Energiewende

Energiewende und Stromnetz

Wo ist das Problem mit der Energiewende? Immer wieder wird auf die hohen Kosten hingewiesen. Bei genauerer Betrachtung kann man folgendes erkennen: Erneuerbare Energieproduktion ist grundsätzlich günstiger als jede Art über fossile oder atomare Energieträger Strom zu produzieren [1] und die Unterschiede werden größer, weil Erneuerbare weiter günstiger werden:

Unter sehr guten Voraussetzungen kann PV-Strom zur ganzjährigen Versorgung beitragen und zu einem unschlagbaren Preis (VAE: Muhammad-bin-Raschid-Al-Maktum-Solarpark, Endausbau 4.6 GW, Einspeisevergütung: 2,6 ct/KWh über 25 Jahre [2]). Deshalb werden speziell in Afrika und Asien die Energiesysteme heute bevorzugt mit PV aufgebaut, weil viel günstiger und schneller aufzubauen und in Kombination mit den sehr günstig gewordenen Batterien können sie in den Regionen ganzjährig ohne Unterbrechung Strom liefern.

In unseren Regionen ist das schwieriger, weil der PV-Ertrag etwa 2-3 fach geringer ist und der Unterschied zwischen Sommer und Winter extrem groß ist. Bei meiner Anlage liegt der Unterschied zwischen Dezember (schlechtester Monat) und Juni/Juli (beste Monate) bei 330/4400 KWh, also 1.1 bzw. 15.7% des Jahresertrags (der 10% Ost/West-Ausrichtung geschuldet, bei Süd-Steildächern ist der Unterschied geringer).

Mit Batterien können heute sehr günstig Erträge aus dem Tag für die Nacht bereitgestellt werden und auch Ertragseinbrüche über Tage gepuffert werden – sehr viel günstiger als ein Gaskraftwerk in Bereitschaft zu halten, dass nur selten läuft und hohe Betriebs- und Bereitschaftskosten hat [3]. Eine PV-Anlage ist annähernd wartungsfrei und wird ohne ständig benötigtes Personal betrieben. Klassische Kraftwerke haben einen hohen personellen Aufwand und benötigen immer wieder umfangreiche und teure Wartungsmaßnahmen (wie auch die Verbrennerautos).

Was heute mit Batterien nicht geht, ist eine jahreszeitliche Verschiebung vom Sommer in den Winter. Das kann man mit einem Elektrolyseur und einem Wasserstofftank in Kombination mit einer Brennstoffzelle machen, würde bei mir zuhause aber ~100.000 € kosten. Auch im Großen ist das nicht günstig, aber ein Beitrag für den Ersatz der Gasnutzung über Wasserstoff. Das Stromproblem können wir nur dadurch lösen, dass die installierte Leistung an Erneuerbaren (v.a. PV und Wind) deutlich über den aktuellen Bedarf erfolgen muss. Wir benötigen aktuell in der Spitze etwa 80 GW an Leistung bei 285 GW (2025) installierter Erzeugungskapazität, Selbst ohne PV liegen wir da mit 166.8 GW Erzeugerkapazität weit entfernt von Stromausfällen, die rechte Populisten prophezeien. Die kommen eher (wie in Spanien am 28.4.2025) von massiven regelungstechnischen Versäumnissen der Netzbetreiber.

Das Hauptproblem, das wir bei der Energiewende haben ist, dass die heutigen Netze und v.a. deren Steuerungsmöglichkeiten nicht auf eine volatile Erzeugung und Nutzung ausgerichtet sind. Die großen Energieerzeuger haben deshalb für die alten, kaum regelbaren Kraftwerke auch die Bezeichnung ‚Grundlastkraftwerke‘ erfunden, um deren Unvermögen in Hinblick auf schnelle Regelungsfähigkeit ins Positive zu deuten. Kohlekraftwerke und Kernkraftwerke gehören dazu, ein Gaskraftwerk lässt sich aber auch schnell regeln. Das Problem der Regelungsfähigkeit der Netze wird dadurch verschärft, dass in Deutschland neben den vier großen Überleitungsnetzbetreibern etwa 860 kleine und kleinste Netzbetreiber agieren, die teilweise weder die Kompetenzen, noch das Personal oder die technischen Einrichtungen für eine vernünftige Netzregelung haben. In Frankreich betreiben zwei Akteure, beides Töchter des Staatskonzerns EDF, 95% der Haushalte per Verteilnetz und das Übertragungsnetz. Das macht vieles einfacher und setzt einen einheitlichen Standard.

Die technischen Anschlussregelungen werden durch die Netzbetreiber individuell geregelt, auch wenn es seit Anfang 2026 mit deren Harmonisierung  einen ersten Schritt zu mehr Standardisierung gibt [4]. Die Kosten für den Anschluss von Energieerzeugungsanlagen sind dadurch dennoch deutlich höher als notwendig und in der Abwicklung extrem aufwendig. Dennoch verdienen sich die Netzbetreiber mit der Umlage ihrer Investitionen in den Netzausbau eine goldene Nase (Kapitalrendite 2023 im Durchschnitt bei 22%), weil sie deutlich überhöhte Kosten ansetzen und damit die Netzentgelte verteuern [5].

Wenn wir die Netze intelligent steuern würden – sowohl Erzeuger als auch Verbraucher -wäre der Bedarf an Reservekraftwerken (oder Speichern) und am Ausbau der Übertragungskapazitäten sehr viel geringer und wir würden enorm Kosten sparen. Digitalisierung ist auch hier ein wesentlicher Faktor für Kostenreduzierung.

Subventionen unterschiedlicher Energieträger

Heute wird meist nur von den extrem hohen Kosten der Subventionen in Erneuerbare Energie gesprochen, was den Eindruck erweckt, diese kosten uns besonders viel Steuergeld. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Selbst die aktuelle Subventionsverteilung zeigt heute keine Bevorzugung Erneuerbarer Energie auf und historisch gesehen, wurden andere Energieträge wie Kohle, Öl, Gas oder atomare Energieträger mit immensen Summen gefördert.

Diese Thema Subventionen ist sehr komplex, weil unterschiedliche Mechanismen zu einer staatlichen Unterstützung der Energieträger führen:

  • Direkte Subventionen über Zuschüsse aus Steuermitteln
  • Reduktion von Steuern über Ausnahmeregelungen

Dazu kommt bei einer Betrachtung der verursachten Folgeschäden die Nichtverrechnung an die verursachenden Unternehmen, wie es bei den Umweltschäden oder der vom Staat (also der Gesellschaft) zu tragenden Folgekosten für die Unterbringung strahlenbelasteter Reste von Brennelementen oder aus dem Abbau von Kernkraftwerken. Dieser Bereich ist sehr schwer abzuschätzen, weil die Kosten weitgehend in der Zukunft liegen und extrem schwer abschätzbar sind. Deshalb wollen wir uns v.a. auf die oben genannten Sachverhalte konzentrieren.

Weltweit wurden die direkten Subventionen für fossile Energieträge im Rahmen der COP28 durch den Internationale Währungsfonds (IWF) auf 1.300 Mrd. Dollar geschätzt.

für Deutschland gibt es fast keine ganzheitlichen Studien zu dem Thema, offensichtlich will die Politik diese Themen wenig öffentlich machen. Eine Studie des Wissenschaftlichen Dienstes des deutschen Bundestages hat für die Jahre 1970 bis 2016 folgendes Ergebnis gebracht [6]:

Staatliche Förderungen 1970-2016 in Mrd. EUR (real)

Subvention der Kohle

Schon 1957 arbeitet fast jede zweite Zeche an der Ruhr nicht mehr kostendeckend. Importkohle aus den USA, Russland, Kolumbien oder Australien kostet 1959 nur etwa die Hälfte. Kohle wurde weitgehend durch Öl und Gas abgelöst, außer in Kraftwerken.

Trotz des vereinbarten Kohleausstiegs wird der Abbau von Braunkohle immer noch jährlich mit etwa 1.75 Mrd. (2024) gefördert. Nach Statistiken der Kohlenwirtschaft sind ~16.000 Mitarbeiter (2024) im Bereich Bergbau und Kraftwerke betroffen. Das bedeutet, dass jeder Arbeitsplatz im Jahr mit über 109.000 € jährlich subventioniert wird! Zudem stellt der Bund bis zu 41 Mrd. € für den Strukturwandel in den Regionen bis 2038 zur Verfügung.

Die Steinkohlesubventionen sind 2018 eingestellt worden, jedoch laufen Zahlungen zur Deckung von Krankenversicherungen für ehemalige Bergleute bis 2027 weiter.

Prof. Roland Döhrn, Wirtschaftsforscher beim RWI-Leibniz Institut in Essen (2018): „Ist eben auch sehr, sehr viel Geld in den Bergbau geflossen. Die Summen bewegen sich zwischen 200 und 300 Milliarden. Die Importkohle war eben deutlich preiswerter, und die ganze Subvention hieß ja, die Differenz zu bezahlen.“

Renaissance der Kernkraft?

Immer wieder gibt es Stimmen, v.a. aus populistischen und rechten Lagern (wie von unserem Ministerpräsidenten Markus Söder, CSU [6]), die eine Renaissance der Kernkraft heraufbeschwören. Selbst die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat am 10.3.2026 zum Auftakt des Atomenergie-Gipfels die Abkehr von der Kernkraft als „strategischen Fehler“ bezeichnet. Richtig ist, dass der übereilte und völlig unkoordinierte Ausstieg 2015, getragen von Angela Merkel, enorme Kosten verursachte. Wenn man das Unglück von Fukushima zum Anlass genommen hätte mit der Restlebensdauer die Kernkraft auslaufen zu lassen, wäre das eine sehr sinnvolle Handlung gewesen und man hätte Zeit gehabt das Energiesystem umzustellen.

Die Wirklichkeit zur neuen Hoffnung, den SMRs (Small Modular Reactors) sieht anders aus: Alle Initiativen innerhalb der USA sind bisher gescheitert, weshalb erste Projekte frühestens nach 2030 in Betrieb gehen könnten. Nur China (3x) und Russland (1x) haben Anlagen umgesetzt.

Aktuelle und zukünftige Kosten

Entsorgungskosten (Fonds): Die Entsorgung radioaktiver Abfälle und die Zwischen- sowie Endlagerung verursachen enorme langfristige Kosten. Die Betreiber zahlten 2017 24.1 Milliarden Euro in einen öffentlich-rechtlichen Fonds (KENFO „Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung“) ein, womit sie sich von den Risiken der Zwischen- und Endlagerung freikauften. Die Entsorgung wird bis 2100 auf rund 170 Milliarden Euro geschätzt. D.h. der Fond wird keinesfalls die entstehenden Folgekosten decken und Ex-Kanzlerin Angela Merkel hat mit dem Fond alle ehemaligen Kraftwerksbetreiber aus der Haftung für Folgekosten genommen und dies dem Steuerzahler (uns) aufgebürdet (Gewinne privatisiert, Verluste sozialisiert).

Die Zwischenlagerung an den deutschen Kernkraftwerkstandorten verschlingt jährlich hohe dreistellige Millionenbeträge (z.B. 535 Mio. € im Haushaltsjahr 2025). Die Rückholung aus dem maroden Endlager Asse wird auf ca. 4,7 Milliarden Euro geschätzt (126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen).

Als ein Beispiel für mögliche Kosten von Atomanlagen sei Sellafield benannt: Der Rückbau des britischen Nuklearkomplexes Sellafield ist eines der größten und teuersten Infrastrukturprojekte weltweit. Es wird mit Kosten von über 136 Mrd. Pfund (ca. 163 Mrd. €) gerechnet, wobei die Arbeiten bis mindestens 2125 andauern sollen.

Das Gros seines Bedarfs an spaltbarem Material importiere Deutschland aus Frankreich und Großbritannien, erläutert die Bundesregierung. 2009 lieferte Frankreich 44 Prozent, 2008 sogar 55 Prozent. Weitere 30 beziehungsweise 22 Prozent kamen aus Großbritannien. Doch der Rohstoff wird in diesen Ländern nicht abgebaut, sondern nur aufbereitet und zwischengehandelt. Die Regierung schreibt, genauere Informationen über die Herkunft seien „nicht erforderlich und nicht verfügbar“. Das Uran für deutsche Kernkraftwerke stammte aber überwiegend aus Quellen in Russland, Kasachstan, Kanada, Niger und Namibia. Dies ist, genauso wie bei Öl und Gas, eine extreme Abhängigkeit und die teilweise auch noch von Staaten, die man nicht unbedingt finanzieren will.

Kernfusion

Auch hier hat sich unser Ministerpräsident mal wieder aus dem Fenster gelehnt [8]. In Grundremmingen soll mit 200 Mio. € bayerischer Förderung weltweit das erste Fusionskraftwerk entstehen. Damit glaubt er – nach bereits 70 Jahren Forschung – mal schnell und mit wenig Aufwand ein solches Kraftwerk umsetzen zu können. Selbst wenn das realistisch wäre – so ein Kraftwerk könnten wir gar nicht sinnvoll nutzen, weil auch dieses nicht vernünftig regelbar ist, also in die heute nutzlose Kategorie der ‚Grundlastkraftwerke‘ fällt!

Auch hier wird der Eindruck erweckt, dass eine Lösung in Sicht wäre, die besser als erneuerbare Energien sind, die es heute schon gibt. Die EU arbeitet seit 2007 in Südfrankreich an dem Fusionsreaktor ‚ITER‘ und hat dafür bereits mehrere Milliarden ausgegeben und bis zur geplanten Inbetriebnahme in 2034-39 werden die Kosten nach Schätzungen der US-Behörde DOE über 50 Mrd. $ erreichen (die EU will keine Abschätzungen abgeben) [9]. Aber Söder schafft das ja viel schneller und zu einem Bruchteil der Kosten? Auch hierzu gibt es einen Kommentar von Harald Lesch [10], der diese Phantasterei wissenschaftlich einordnet.

Das beste Buch, das ich bisher über das Thema Energiewende gelesen habe, stammt von Tim Meyer [11] und ist sehr empfehlenswert, weil dort mit keiner politischen, sondern eine marktwirtschaftliche Sichtweise das Thema beleuchtet wird.

Quellenhinweise

[1] Fraunhofer ISE Studie, Juli 2024 (https://www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/studien/studie-stromgestehungskosten-erneuerbare-energien.html)

[2] Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Muhammad-bin-Raschid-Al-Maktum-Solarpark (https://de.wikipedia.org/wiki/Muhammad-bin-Raschid-Al-Maktum-Solarpark)

[3] Fraunhofer ISE Studie, Januar 2025 (Kurzanalyse: Stromgestehungskosten und Volllaststunden flexible Kraftwerke (Januar 2025))

[4] BDEW, 16.02.2026 (https://www.bdew.de/presse/wichtiger-schritt-auf-dem-weg-zu-mehr-harmonisierung-beim-netzanschluss/)

[5] bne, 12.09.2025 (https://www.bne-online.de/pressemitteilung-analyse-zeigt-gasnetzbetreiber-erzielen-ueberhoehte-renditen-auf-kosten-der-verbraucher/#:~:text=Im%20Jahr%202023%20verzeichneten%20diese,5%20bis%207%2C5%20%25.)

[6] Spiegel, 15.03.2026 (https://www.spiegel.de/wirtschaft/markus-soeder-wirbt-fuer-mini-atomkraftwerk-als-pilotprojekt-in-bayern-a-59b964e7-c5f9-4e68-85dd-4c2dcfcc0948)

[7] Harald Lesch bei Youtube am 05.07.2025 (https://www.youtube.com/watch?v=cSWjeRWw3Ho)

[8] Handelsblatt, 26.02.2026 (https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/energie-bayern-investiert-in-den-traum-vom-ersten-fusionskraftwerk/100202037.html)

[9] Wikipedia, ITER (https://de.wikipedia.org/wiki/ITER)

[10] Frankfurter Rundschau, 17.03.2026 (https://www.fr.de/wirtschaft/sein-physiker-harald-lesch-zu-bayerns-kernfusions-plaenen-das-muss-magie-zr-94206080.html#google_vignette)

[11] Tim Meyer, Strom – Über Nostalgie, Zukunft und warum der Markt längst entschieden hat (ISBN 9783769351224)